Studien und Gesundheitswerbung kritisch lesen
- Frage
- Woran erkennt man, dass ein Studienergebnis oder eine Werbeaussage mehr verspricht, als die Daten hergeben?
- Kurzantwort
- Typische Warnzeichen sind Laborwerte statt echter Gesundheitsfolgen, nur relative Zahlen, nachträglich ausgewählte Untergruppen, fehlende Angaben zu Nebenwirkungen und unklare Finanzierung.
Gliederung
Gesundheitsnachrichten erreichen uns selten direkt aus der Fachzeitschrift. Dazwischen liegen Pressemitteilungen, Werbebroschüren, Zeitungsartikel und Beiträge in sozialen Medien. Auf jeder Stufe kann ein Ergebnis etwas größer werden. Die folgenden Muster helfen, überzeichnete Aussagen zu erkennen – bei Medikamenten ebenso wie bei Nahrungsergänzungen, Geräten oder Kursangeboten.
1. Laborwert statt Lebensqualität
Viele Studien messen Surrogatparameter: Ersatzgrößen wie Blutzucker, Cholesterin oder Blutdruck. Sie sind schneller und billiger zu erheben als Herzinfarkte oder Todesfälle. Das Problem: Ein besserer Laborwert bedeutet nicht automatisch ein besseres Leben.
Ein lehrreiches Beispiel ist die amerikanische CAST-Studie von 1989. Nach einem Herzinfarkt treten häufig Herzrhythmusstörungen auf, und bestimmte Medikamente unterdrückten diese zuverlässig im EKG. Es schien logisch, dass damit auch weniger Menschen sterben. Die Studie zeigte das Gegenteil: In den Gruppen mit den geprüften Wirkstoffen starben mehr Menschen als in der Placebogruppe. Seitdem gilt: Surrogatparameter sind Hinweise, keine Belege.
2. Nur relative Zahlen
„Senkt das Risiko um ein Drittel“ ist die bevorzugte Formulierung in Werbung, weil sie groß klingt. Ohne das Ausgangsrisiko ist sie wertlos. Wie man relative in absolute Zahlen übersetzt, erklärt Zahlen verstehen.
3. Kombinierte Endpunkte
Manche Studien fassen mehrere Ereignisse zu einem Endpunkt zusammen, etwa „Tod, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krankenhausaufenthalt“. Das ist legitim, um eine Studie mit vertretbarer Größe durchführen zu können. Problematisch wird es, wenn der Effekt fast nur vom leichtesten Bestandteil stammt – zum Beispiel von weniger Krankenhausaufnahmen –, die Schlagzeile aber nach weniger Todesfällen klingt.
4. Die passende Untergruppe
Findet eine Studie insgesamt keinen Nutzen, lohnt sich für interessierte Kreise der Blick in Untergruppen: nur Frauen, nur über 65-Jährige, nur Menschen mit einem bestimmten Laborwert. Wer lange genug sucht, findet fast immer eine Gruppe, in der das Ergebnis zufällig günstig aussieht. Glaubwürdig sind Untergruppen-Ergebnisse vor allem dann, wenn sie vorab geplant waren und sich in weiteren Studien bestätigen.
5. Nebenwirkungen im Kleingedruckten
Nutzen wird oft ausführlich beschrieben, Schaden knapp oder gar nicht. Seltene Nebenwirkungen zeigen sich zudem häufig erst nach der Zulassung, wenn sehr viele Menschen ein Mittel nehmen. Eine faire Darstellung nennt beides in vergleichbarer Form.
6. Wer bezahlt?
Die Finanzierung durch Hersteller macht eine Studie nicht automatisch falsch. Untersuchungen zeigen aber immer wieder, dass von Herstellern finanzierte Studien häufiger zugunsten des eigenen Produkts ausfallen. Seriöse Veröffentlichungen legen Finanzierung und Interessenkonflikte offen – fehlt diese Angabe, ist Skepsis angebracht.
7. Werbung für Fachleute
Auch Ärztinnen und Ärzte sind Zielgruppe von Werbung – über Broschüren, Anzeigen in Fachzeitschriften oder Besuche von Pharmareferenten. Untersuchungen solcher Materialien haben wiederholt gezeigt, dass sich viele Aussagen nicht oder nur teilweise durch die zitierten Quellen stützen lassen. Unabhängige Arzneimittelinformationen und Leitlinien sind deshalb die bessere Grundlage.
Checkliste für den Alltag
| Prüffrage | Warnzeichen |
|---|---|
| Was wurde gemessen? | nur Laborwerte oder Befindlichkeit nach wenigen Tagen |
| Wie groß ist der Effekt? | nur relative Angaben, keine absoluten Zahlen |
| Wer wurde untersucht? | sehr kleine Gruppe, Tierversuch, Zellkultur |
| Wie lange? | nur wenige Wochen bei einer Dauerbehandlung |
| Wer steckt dahinter? | Finanzierung und Interessenkonflikte fehlen |
| Was sagt die Gesamtheit? | Einzelstudie gegen den Stand systematischer Übersichten |
Diese Liste passt übrigens auch auf Angebote, die sich als „natürlich“ oder „ganzheitlich“ verstehen. Auch Yoga, Meditation oder Atemübungen verdienen eine faire, nüchterne Prüfung – wie sie die Beiträge in der Rubrik Yoga & Achtsamkeit versuchen.
Häufige Fragen
Ist jeder Surrogatparameter unzuverlässig?
Nein. Für manche Messwerte ist gut belegt, dass ihre Senkung auch Krankheitsereignisse verringert – etwa beim Blutdruck oder beim LDL-Cholesterin unter bestimmten Medikamenten. Bei neuen Wirkstoffen oder neuen Messwerten ist aber Vorsicht geboten, bis Daten zu klinischen Endpunkten vorliegen.
Woran erkenne ich bezahlte Gesundheitsinformationen im Internet?
Hinweise sind Produktnennungen mit Kauflinks, fehlende Angaben zu Autorinnen und Autoren, Übertreibungen wie „revolutionär“ oder „Geheimtipp“ und das Fehlen von Quellen. Seriöse Angebote kennzeichnen Werbung und Partnerlinks und trennen sie vom redaktionellen Inhalt.
Was ist ein Placebo-Effekt – und kann ich ihn nutzen?
Der Placebo-Effekt beschreibt Verbesserungen, die durch Erwartung, Zuwendung und den natürlichen Krankheitsverlauf entstehen. Er ist vor allem bei subjektiven Beschwerden wie Schmerz oder Müdigkeit spürbar. Er erklärt, warum sich viele Mittel „bewährt“ anfühlen, ohne spezifisch zu wirken.
Quellen und weiterführende Informationen
- Wikipedia: Cardiac Arrhythmia Suppression Trial. en.wikipedia.org
- Wikipedia: Surrogatparameter. de.wikipedia.org
- Medizin transparent (Cochrane Österreich). www.medizin-transparent.at
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Einschätzung der Evidenz ist eine redaktionelle Zusammenfassung der genannten Quellen – mehr dazu über dieses Projekt.