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diemGesundheitswissen mit Belegen

Kapitel I · Evidenz verstehen

Was ist evidenzbasierte Medizin?

Aktualisiert am 4 Min. Lesezeit4 Quellen

Frage
Was bedeutet „evidenzbasiert“ – und heißt das, dass nur noch Studien zählen?
Kurzantwort
Nein. Evidenzbasierte Medizin nutzt das beste verfügbare Studienwissen, verbindet es aber ausdrücklich mit klinischer Erfahrung und mit dem, was den Betroffenen wichtig ist.
Porträt von James Lind, gemalt von George Chalmers
James Lind (1716–1794) verglich 1747 an Bord eines Schiffes mehrere Behandlungen gegen Skorbut – ein früher kontrollierter Versuch. Gemälde von George Chalmers, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
Gliederung
  1. Woher die Idee kommt
  2. Die drei Säulen
  3. Was evidenzbasierte Medizin nicht ist
  4. In Deutschland
  5. Was das für Sie bedeutet
  6. Häufige Fragen

Der Begriff klingt technisch, beschreibt aber eine einfache Haltung: Bevor eine Behandlung empfohlen wird, sollte man wissen, ob sie mehr nützt als schadet – und wie sicher dieses Wissen ist. Was heute selbstverständlich wirkt, war es lange nicht. Viele Therapien wurden über Jahrzehnte angewandt, weil sie plausibel klangen, weil Autoritäten sie lehrten oder weil Einzelfälle gut ausgingen.

Woher die Idee kommt

Ein häufig erzähltes Beispiel stammt aus dem Jahr 1747. Der schottische Schiffsarzt James Lind teilte an Skorbut erkrankte Seeleute in kleine Gruppen ein und gab jeder Gruppe eine andere Behandlung. Die beiden Männer, die Zitrusfrüchte bekamen, erholten sich auffallend schnell. Lind hat damit keine moderne Studie durchgeführt, aber das Prinzip ist erkennbar: Vergleichen statt vermuten.

Im 20. Jahrhundert rückte der britische Epidemiologe Archie Cochrane die Frage ins Zentrum, welche Behandlungen tatsächlich wirksam sind und welche nur Geld und Vertrauen kosten. Den Ausdruck „evidence-based medicine“ prägte Anfang der 1990er-Jahre eine Arbeitsgruppe an der McMaster University in Kanada. 1996 erschien im British Medical Journal ein viel zitierter Aufsatz von David Sackett und Kollegen. Sinngemäß beschreiben sie evidenzbasierte Medizin dort als gewissenhaften und ausdrücklichen Gebrauch der besten aktuellen Belege für Entscheidungen über die Versorgung einzelner Menschen.

Die drei Säulen

Aus dieser Definition ergeben sich drei Bestandteile, die zusammengehören:

  • Externe Evidenz: die Ergebnisse guter Studien, möglichst zusammengefasst in systematischen Übersichten.
  • Klinische Erfahrung: das Können der Ärztin oder des Therapeuten, Befunde einzuordnen und Studienwissen auf den Einzelfall zu übertragen.
  • Werte und Wünsche der Betroffenen: Was ist mir wichtig? Welche Nebenwirkungen nehme ich für welchen Nutzen in Kauf?

Fehlt eine Säule, kippt das Ganze. Studienwissen ohne Erfahrung wird zum Kochbuch, Erfahrung ohne Studien zur Gewohnheit, und beides ohne die Perspektive der Betroffenen übergeht den Menschen, um den es geht. Wie man diese Teile praktisch zusammenbringt, zeigen die fünf Schritte.

Was evidenzbasierte Medizin nicht ist

Ein verbreitetes Missverständnis lautet, evidenzbasierte Medizin erkenne nur randomisierte Studien an. Tatsächlich fragt sie nach der besten verfügbaren Evidenz. Für manche Fragen gibt es keine Vergleichsstudien, und für manche wird es nie welche geben – etwa weil ein Versuch unethisch wäre. Dann sind Beobachtungsstudien, Fallserien oder begründete Expertenmeinungen das Beste, was vorliegt. Wichtig ist nur, dass offen gesagt wird, wie belastbar die Grundlage ist. Welche Studientypen es gibt und was sie leisten, erklärt der Beitrag zu Studientypen.

Ebenso wenig ist evidenzbasierte Medizin ein Sparprogramm. Sie kann zeigen, dass eine teure Behandlung keinen Zusatznutzen hat – aber genauso, dass eine vernachlässigte Maßnahme wirksam ist und mehr Menschen erreichen sollte.

In Deutschland

Hierzulande hat die Methode seit den 1990er-Jahren an Gewicht gewonnen. Das Netzwerk Evidenzbasierte Medizin bündelt als Fachgesellschaft Wissenschaft, Praxis und Lehre. Seit 2004 bewertet das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) im gesetzlichen Auftrag Nutzen und Schaden medizinischer Verfahren und veröffentlicht allgemeinverständliche Gesundheitsinformationen. Cochrane Deutschland mit Sitz in Freiburg unterstützt die Erstellung und Verbreitung systematischer Übersichten. Ärztliche Leitlinien der höchsten Qualitätsstufe beruhen ebenfalls auf einer systematischen Auswertung der Studienlage.

Was das für Sie bedeutet

Evidenzbasierte Medizin ist kein Wissen nur für Fachleute. Wer eine Diagnose bekommt oder vor einer Behandlung steht, darf fragen: Welche Möglichkeiten gibt es? Wie groß ist der Nutzen, wie groß das Risiko? Und wie gut ist das untersucht? Diese Fragen sind der Kern der gemeinsamen Entscheidungsfindung. Sie helfen auch bei Angeboten außerhalb der klassischen Medizin – von Nahrungsergänzungsmitteln bis zu Yoga und Meditation.

Häufige Fragen

Ist evidenzbasierte Medizin dasselbe wie Schulmedizin?

Nein. „Schulmedizin“ ist ein unscharfer Sammelbegriff für die an Universitäten gelehrte Medizin. Evidenzbasierte Medizin ist eine Methode, die fragt, wie gut eine Behandlung untersucht ist – egal, woher sie stammt. Auch viele etablierte Verfahren halten dieser Prüfung nicht stand, während einzelne Methoden aus dem Bereich der Naturheilkunde oder Bewegungstherapie gut belegt sind.

Warum ändern sich Empfehlungen manchmal?

Weil neue, bessere Studien hinzukommen. Das ist kein Zeichen von Beliebigkeit, sondern der Kern der Methode: Empfehlungen sollen dem aktuellen Wissen folgen. Stabil bleiben meist Aussagen, die auf hoher Evidenz beruhen; bei niedriger Evidenz sind Änderungen wahrscheinlicher.

Wo finde ich verlässliche Gesundheitsinformationen?

Gute Anlaufstellen sind gesundheitsinformation.de des IQWiG, die Patientenleitlinien auf leitlinien.de, Medizin transparent von Cochrane Österreich und die Informationen von Fachgesellschaften und Selbsthilfeverbänden. Achten Sie auf Quellenangaben, ein Erstellungsdatum und darauf, dass nichts verkauft wird.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Sackett DL et al.: Evidence based medicine – what it is and what it isn't (BMJ 1996). www.bmj.com
  2. Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e. V.. www.ebm-netzwerk.de
  3. Gesundheitsinformation.de (IQWiG): Evidenzbasierte Medizin in Deutschland. www.gesundheitsinformation.de
  4. Wikipedia: Evidenzbasierte Medizin. de.wikipedia.org

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Einschätzung der Evidenz ist eine redaktionelle Zusammenfassung der genannten Quellen – mehr dazu über dieses Projekt.

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