Die fünf Schritte: von der Frage zur Entscheidung
- Frage
- Wie kommt man von einer Gesundheitsfrage zu einer begründeten Entscheidung?
- Kurzantwort
- In fünf Schritten: eine präzise Frage formulieren, gezielt nach Studien suchen, deren Qualität bewerten, das Ergebnis auf die eigene Situation übertragen und später prüfen, ob es funktioniert hat.
Gliederung
Evidenzbasierte Medizin ist weniger ein Wissensbestand als ein Arbeitsablauf. In der Lehre wird er meist in fünf Schritte gegliedert, im Englischen oft als die „fünf A“ bezeichnet: ask, acquire, appraise, apply, assess. Die Schritte eignen sich nicht nur für Ärztinnen und Ärzte. Auch wer sich selbst informieren möchte, kommt mit ihnen weiter als mit einer unstrukturierten Suchmaschinenrecherche.
Schritt 1: Eine beantwortbare Frage stellen
„Hilft Bewegung gegen Bluthochdruck?“ ist eine berechtigte Frage, aber zu ungenau, um sie mit Studien zu beantworten. Bewährt hat sich das PICO-Schema:
- P – Patientengruppe: Um wen geht es? Etwa Erwachsene mit leicht erhöhtem Blutdruck ohne Herzerkrankung.
- I – Intervention: Was wird geprüft? Zum Beispiel regelmäßiges Ausdauertraining.
- C – Vergleich (comparison): Womit wird verglichen? Mit keinem Training oder mit einer anderen Maßnahme.
- O – Endpunkt (outcome): Was soll sich ändern? Der Blutdruck – oder besser noch: Herzinfarkte und Schlaganfälle.
Gerade der letzte Punkt ist entscheidend. Ob sich ein Laborwert bessert, ist oft leichter zu messen als die Frage, ob Menschen länger oder beschwerdeärmer leben. Warum dieser Unterschied so wichtig ist, erklärt der Beitrag über Surrogatparameter und Werbung.
Schritt 2: Gezielt suchen
Die beste Quelle ist selten eine einzelne Studie. Sinnvoller ist es, oben in der Hierarchie anzufangen: bei Leitlinien und systematischen Übersichtsarbeiten. Für Laien sind geprüfte Gesundheitsinformationen ein guter Einstieg, etwa die Seiten des IQWiG oder Patientenleitlinien. Fachleute durchsuchen Datenbanken wie PubMed oder die Cochrane Library.
Schritt 3: Kritisch bewerten
Nicht jede Studie verdient gleich viel Vertrauen. Typische Prüffragen lauten:
- Wurden die Gruppen zufällig zugeteilt?
- Wussten die Beteiligten, wer welche Behandlung bekam?
- Wie viele Teilnehmende sind vorzeitig ausgeschieden, und wurden sie in der Auswertung berücksichtigt?
- Ist der Effekt nicht nur statistisch, sondern auch praktisch bedeutsam?
- Wer hat die Studie finanziert?
Hilfreich ist es, Ergebnisse in absoluten Zahlen zu betrachten. Wie das geht, zeigt Zahlen verstehen.
Schritt 4: Auf den Einzelfall übertragen
Eine Studie mit überwiegend 50-jährigen Männern sagt nur begrenzt etwas über eine 80-jährige Frau mit mehreren Erkrankungen aus. Hier kommt die klinische Erfahrung ins Spiel – und die Frage, was die betroffene Person selbst möchte. Wer drei Tabletten am Tag ohnehin schwer verträgt, gewichtet eine vierte anders als jemand ohne Dauermedikation.
Schritt 5: Ergebnis überprüfen
Eine Entscheidung ist kein Endpunkt. Nach einigen Wochen oder Monaten lohnt der Blick zurück: Hat die Maßnahme das erreicht, was man sich erhofft hat? Sind Nebenwirkungen aufgetreten? Beim Bluthochdruck bietet sich dafür die Selbstmessung an, bei anderen Erkrankungen ein Beschwerdetagebuch oder die Kontrolluntersuchung.
Warum sich der Aufwand lohnt
Die fünf Schritte wirken aufwendig, doch sie schützen vor zwei häufigen Fehlern: vor Behandlungen, die mehr versprechen als halten, und vor dem Verzicht auf wirksame Maßnahmen aus diffuser Skepsis. Wer die Schritte einmal verinnerlicht hat, stellt im Arztgespräch andere Fragen – und bekommt häufig bessere Antworten.
Häufige Fragen
Muss ich als Laie wirklich Studien lesen?
Nein. Die fünf Schritte helfen auch ohne eigene Studienlektüre: Eine klare Frage, die Suche bei geprüften Quellen und die Frage nach der Sicherheit des Wissens reichen oft aus. Das eigentliche Bewerten können Sie Übersichtsarbeiten, Leitlinien und seriösen Gesundheitsportalen überlassen.
Was ist ein patientenrelevanter Endpunkt?
Ein Ergebnis, das Betroffene direkt spüren oder das ihr Leben betrifft: Beschwerden, Krankheitsereignisse wie Herzinfarkte, Lebensqualität, Selbstständigkeit oder Lebenserwartung. Laborwerte und Messwerte gehören nicht dazu, auch wenn sie mit solchen Ergebnissen zusammenhängen können.
Wie lange sollte ich warten, bis ich eine Maßnahme überprüfe?
Das hängt von der Maßnahme ab. Blutdrucksenkende Medikamente zeigen ihre volle Wirkung meist nach einigen Wochen, Bewegungsprogramme nach einigen Monaten. Besprechen Sie vorab, wann eine Kontrolle sinnvoll ist und woran Sie einen Erfolg erkennen würden.
Quellen und weiterführende Informationen
- Straus SE et al.: Evidence-Based Medicine – How to Practice and Teach EBM. www.elsevier.com
- Cochrane Deutschland: Evidenzbasierte Medizin. www.cochrane.de
- Wikipedia: PICO process. en.wikipedia.org
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Einschätzung der Evidenz ist eine redaktionelle Zusammenfassung der genannten Quellen – mehr dazu über dieses Projekt.