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diemGesundheitswissen mit Belegen

Kapitel III · Yoga & Achtsamkeit

Die Ursprünge des Hatha Yoga: von mittelalterlichen Texten zur Yogamatte

Aktualisiert am 3 Min. Lesezeit4 Quellen

Frage
Ist das Yoga, das heute im Studio geübt wird, Tausende Jahre alt?
Kurzantwort
Nur zum Teil. Yoga als Weg der Meditation ist sehr alt, Hatha Yoga ist in Texten seit etwa dem 11. Jahrhundert belegt. Die heute üblichen fließenden Haltungsfolgen haben sich vor allem im 20. Jahrhundert entwickelt.
Seite einer Sanskrit-Handschrift der Hatha Yoga Pradipika
Abschrift der Hatha Yoga Pradipika aus dem 19. Jahrhundert, Schøyen Collection. Foto: Ms Sarah Welch, Lizenz CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.
Gliederung
  1. Frühe Wurzeln: Yoga als Meditation
  2. Hatha Yoga im Mittelalter
  3. Mysore: Haltungen werden vielfältiger
  4. Der Weg in den Westen
  5. Was heißt das für die Praxis?
  6. Häufige Fragen

„Yoga ist 5.000 Jahre alt“ – der Satz steht in vielen Kursbeschreibungen. Er ist nicht ganz falsch, aber stark vereinfacht. Die Geschichte des Yoga ist lang und verzweigt, und das Yoga, das heute in Studios zwischen Hamburg und München geübt wird, ist in vielem ein Kind des 20. Jahrhunderts. Das macht es nicht weniger wertvoll, aber es lohnt, genauer hinzusehen.

Frühe Wurzeln: Yoga als Meditation

Das Wort „Yoga“ stammt aus dem Sanskrit und wird oft mit „Verbindung“ oder „Anschirren“ übersetzt. In frühen Texten, etwa einigen Upanishaden und der Bhagavad Gita, bezeichnet es vor allem geistige Disziplin und Meditation. Die Yoga-Sutras, die dem Gelehrten Patanjali zugeschrieben und meist in die ersten Jahrhunderte nach Christus datiert werden, beschreiben einen achtgliedrigen Weg. Körperhaltungen spielen darin nur eine kleine Rolle: Asana meint vor allem einen stabilen, bequemen Sitz für die Meditation.

Hatha Yoga im Mittelalter

Als eigene Richtung tritt Hatha Yoga in Texten ab etwa dem 11. Jahrhundert auf. Das Sanskrit-Wort „hatha“ bedeutet „Kraft“ oder „Anstrengung“. Diese Lehren betonten körperliche Techniken: bestimmte Haltungen, Atemübungen, Reinigungspraktiken und Energieverschlüsse. Ziel war nicht Fitness, sondern spirituelle Befreiung und, in manchen Schulen, die Kontrolle über Lebensenergie.

Der bekannteste Text ist die Hatha Yoga Pradipika, die meist in das 15. Jahrhundert datiert und einem Svatmarama zugeschrieben wird. Sie fasst ältere Lehren zusammen und beschreibt 15 Haltungen – darunter viele Sitzhaltungen. Spätere Texte wie die Gheranda Samhita nennen mehr Haltungen. Ein internationales Forschungsprojekt an der SOAS University of London hat in den vergangenen Jahren viele dieser Texte neu erschlossen und übersetzt.

Mysore: Haltungen werden vielfältiger

Im 19. Jahrhundert entstand am Hof von Mysore in Südindien das Sritattvanidhi, ein illustriertes Kompendium, das auch über hundert Yogahaltungen zeigt. Einige dieser Bilder sind in der Rubrik zu sehen. Im 20. Jahrhundert unterrichtete in Mysore der Gelehrte Tirumalai Krishnamacharya (1888–1989). Er entwickelte dynamische Übungsfolgen und verband Yoga mit Elementen, die sich, so vermuten Historiker, auch aus der damals populären Gymnastik speisten.

Zu seinen Schülern zählten einige der einflussreichsten Lehrenden des modernen Yoga: B. K. S. Iyengar, K. Pattabhi Jois, Indra Devi und sein Sohn T. K. V. Desikachar. Aus ihren Schulen gingen viele der heute bekannten Yogastile hervor.

Historische Malerei einer rückwärtsgebeugten Yogafigur
Kapotasana, dargestellt im Sritattvanidhi (Mysore, 19. Jahrhundert). Gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Der Weg in den Westen

Schon um 1900 reisten indische Lehrer nach Europa und Amerika, allen voran Swami Vivekananda, der allerdings eher Meditation und Philosophie als Körperhaltungen vermittelte. Ab den 1950er- und 1960er-Jahren verbreitete sich das haltungsbasierte Yoga zunehmend im Westen. Heute ist Yoga ein weltweites Phänomen. 2016 nahm die UNESCO Yoga in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf.

Was heißt das für die Praxis?

EpocheSchwerpunkt
Frühe TexteMeditation, geistige Disziplin
Yoga-Sutrasachtgliedriger Weg, Asana als Sitz
Hatha-Texte (ab ca. 11. Jh.)Körpertechniken, Atem, Energielehre
Mysore, 20. Jh.dynamische Haltungsfolgen
HeuteBewegung, Entspannung, Gesundheit, Spiritualität

Die Vielfalt des heutigen Yoga ist kein Verfall, sondern Ausdruck einer lebendigen Tradition. Sinnvoll ist nur, historische Ansprüche und gesundheitliche Versprechen auseinanderzuhalten. Dass eine Übung alt ist, sagt nichts darüber, ob sie wirkt. Was sich über die gesundheitliche Wirkung sagen lässt, fasst Die Wissenschaft hinter Hatha Yoga zusammen. Den Einstieg in die Praxis beschreibt der Leitfaden für Anfänger.

Häufige Fragen

Ist Yoga eine Religion?

Yoga hat Wurzeln in indischen religiösen und philosophischen Traditionen, auch im Hinduismus, Buddhismus und Jainismus. Wie es heute geübt wird, reicht von rein körperlicher Praxis bis zu einem spirituellen Weg. Ob und wie viel Spiritualität dazugehört, entscheiden Übende und Lehrende selbst.

Was bedeutet „Asana“?

Asana ist Sanskrit und bedeutet ursprünglich „Sitz“. In den Yoga-Sutras ist damit vor allem eine stabile, bequeme Sitzhaltung für die Meditation gemeint. Heute bezeichnet der Begriff alle Körperhaltungen im Yoga.

Wer war Krishnamacharya?

Tirumalai Krishnamacharya (1888–1989) war ein indischer Yogalehrer und Gelehrter, der lange in Mysore unterrichtete. Er gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter des modernen, haltungsbasierten Yoga; viele heute bekannte Stile gehen auf seine Schüler zurück.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Wikipedia: Hatha Yoga Pradipika. de.wikipedia.org
  2. Wikipedia: Tirumalai Krishnamacharya. de.wikipedia.org
  3. Wikipedia: Hatha yoga (englisch). en.wikipedia.org
  4. Wikipedia: Sritattvanidhi. en.wikipedia.org

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Einschätzung der Evidenz ist eine redaktionelle Zusammenfassung der genannten Quellen – mehr dazu über dieses Projekt.

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